Gustavo Gimeno: Symphonischer Kosmos und unbekanntes Frühwerk

„Sie muß etwas Kosmisches an sich haben, muß unerschöpflich wie die Welt und das Leben sein, wenn sie ihres Namens nicht spotten soll.“, sagte Gustav Mahler über die Form der Symphonie. Mit der zweiten und dritten seiner Schöpfungen dieser Gattung erarbeitete sich Mahler erste Anerkennung – mit der vierten Symphonie folgte dennoch musikalischer Umbruch: Beinahe eine Rückbesinnung, ist sie eines der bemerkenswertesten Werke des österreichischen Komponisten, das er selbst auch zu seinen besten zählte. Dirigent Gustavo Gimeno und sein Orchestre Philharmonique du Luxembourg stellen „der Vierten“ für ihre Aufnahme für das niederländische Label PENTATONE das kaum bekannte Frühwerk Mahlers „Nicht zu schnell“ zur Seite – und zeigen damit gekonnt, wie auch in der kleinen Form Mahlers bereits das unerschöpfliche, große Ganze angelegt ist.

Die Zeit der Jahrhundertwende war für Gustav Mahler eine Zeit der Veränderung, sowohl biografisch als auch musikalisch. Deutlich hörbar wird dies in der im Januar 1901 vollendeten Vierten Symphonie: Kleiner instrumentiert als ihre Vorgängerinnen, letztmalig mit den Wunderhorn-Liedern verbunden und mit einem Sopran-Solo als nahezu einzige „Extravaganz“, wirkt sie wie eine Reminiszenz an klassische Formen. Obwohl der Finalsatz ursprünglich für die Symphonie Nr. 3 vorgesehen war, sind alle vier Sätze kompositorisch eng miteinander verbunden und zeigen sich in ihren Stimmungen so verstörend wie heiter, wodurch Mahler die Doppelbödigkeit des irdischen Daseins auf mitunter groteske Art und Weise hörbar macht. Der Finalsatz schließlich beinhaltet mit „Das himmlische Leben“ letztmalig einen leicht abgeänderten Text aus der Gedichtsammlung „Des Knaben Wunderhorn“.

Dass die vierte Symphonie Gustav Mahlers für die nächste Zusammenarbeit des Orchestre Philharmonique du Luxembourg mit PENTATONE die optimale Wahl ist, lag für Chefdirigent Gustavo Gimeno dabei von Beginn an auf der Hand: „Das Gespür für Melodie, Anmut, Schönheit und Klarheit im Klang des Orchesters passen zu dieser Symphonie besser als zu jedem anderen der Hauptwerke Mahlers. Ich persönlich liebe Miah Perssons einzigartige Stimme und Musikalität in ‚Das himmlische Leben‘.“, so Gimeno weiter über die schwedische Sopranistin, die in Konzertsälen und Opernhäusern weltweit gefeiert wird und regelmäßig mit den Luxembourgern und ihrem spanischen Chefdirigenten arbeitet.

Ein Glücksfall ist es für Gimeno auch, ein nahezu unbekanntes Frühwerk Mahlers auf der Einspielung vorstellen zu können: Mit „Nicht zu schnell“ zeigen er und das Orchester ein als Quartett konzipiertes und durch den Mahler-Experten Colin Matthews orchestriertes Kleinod. Matthews, der das Werk 2009 im Auftrag des Royal Concertgebouw Orchestra bearbeitete, war bereits im Team um den Musikwissenschaftler Deryck Cooke mit der Fertigstellung der zehnten Symphonie Mahlers beschäftigt – in „Nicht zu schnell“ führte er vor allem die orchestralen Anlagen Mahlers aus, die bereits in seinem frühen Schaffen auf das gewaltige symphonische Spätwerk verweisen. Das Orchestre Philharmonique du Luxembourg spielt unter Gustavo Gimeno seine Stärken darin voll aus und zeigt sich als klangschönes, dabei stets schlank und transparent aufspielendes Spitzenensemble.

 

Gustavo Gimeno, Dirigent
Miah Persson, Sopran
Orchestre Philharmonique du Luxembourg

Gustav Mahler:

Symphonie Nr. 4 in G-Dur

Klavierquartett in a-Moll „Nicht zu schnell“
(orch. Colin Matthews)

VÖ bei PENTATONE