Kirill Karabits: Uraufführung einer unvollendeten Liszt-Oper

Kirill Karabits und die Staatskapelle Weimar präsentieren am 19. und 20. August „Sardanapalo“

Unter der Leitung ihres Chefdirigenten Kirill Karabits wird die Staatskapelle Weimar eine wiederentdeckte italienische Oper von Franz Liszt zur Uraufführung bringen, die unvollendet geblieben ist und seit fast einem Jahrhundert weitgehend vergessen in einem Archiv in Deutschland gelegen hat. „Der Name des Komponisten Franz Liszt wurde nie mit der italienischen Oper in Verbindung gebracht“, erklärt Kirill Karabits. „Ich freue mich, die Uraufführung von “Sardanapalo” in Weimar zu dirigieren. Diese Entdeckung wird nicht nur in Liszts musikalischem Erbe, sondern auch in der deutschen Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts ein neues Kapitel aufschlagen.“ Der 1. Akt der Oper ist vollständig erhalten und wird in einer konzertanten Aufführung präsentiert.

Wieder zum Leben erweckt wurde die Musik von David Trippett, außerordentlicher Professor an der Musikfakultät der Universität Cambridge. Vor mehr als zehn Jahren entdeckte er, dass das im Goethe- und Schiller-Archiv aufbewahrte Opern-Manuskript lesbar ist, ein Jahrhundert nachdem dieses katalogisiert wurde und weitgehend in Vergessenheit geriet. „Die erhalten gebliebene Musik ist atemberaubend – eine einzigartige Mischung aus italienisch beeinflusstem Gefühlsüberschwang, kühnen harmonischen Wendungen und Seitenwegen“, beschreibt Trippett die Komposition. „Es gibt nichts Vergleichbares in der Opernwelt. Das Werk ist durchflutet von Liszts charakteristischem Stil und birgt zugleich Elemente von Bellini und Meyerbeer, in denen immer wieder auch Wagner zu erkennen ist.“

Mit der Sopranistin Joyce El-Khoury und dem Tenor Charles Castronovo in den Hauptpartien findet die Uraufführung dieses bemerkenswerten Werks am 19./20. August in Weimar statt, wo Franz Liszt einst als Kapellmeister der Hofkapelle, der heutigen Staatskapelle Weimar, gewirkt hat.

Das auf Lord Byrons Tragödie „Sardanapalus“ basierende Libretto hat Aktualität. Es erzählt die Geschichte von Sardanapalo, dem letzten König des antiken Assyriens (dem heutigen Syrien und Nord-Irak). Er ist ein friedliebender Herrscher, der sich mehr für ausschweifende Feiern und Frauen interessiert als für Politik und Krieg. Er lehnt Gewalt und Brutalität ab und glaubt, aus einer gewissen Naivität heraus, an die angeborene Güte und Tugend in den Menschen. Als er von Rebellen gestürzt wird, verbrennt er sich selbst und seine Geliebte bei lebendigem Leib inmitten von Düften und Gewürzen, in einem großen flammenden Inferno. Liszts Oper legt den Fokus auf die Liebe zwischen Sardanapalo und seiner Lieblingskonkubine Mirra, die versucht, den König entgegen besserer Einsicht zu überzeugen, in den Krieg zu ziehen, um sein Reich zu verteidigen.

Das nur einer Handvoll von Liszt-Gelehrten bekannte 111-seitige Manuskript – größtenteils kurzschriftlich notiert und nur der 1. Akt vollendet – galt lange Zeit als lückenhaft, unleserlich und infolgedessen unentzifferbar. Doch nachdem Trippett drei Jahre lang unter Berücksichtigung von Liszts eigenen Anweisungen für die Orchestrierung der Partitur kritisch an dem Manuskript gearbeitet hat, kann die Musik nun erstmals hörbar gemacht werden. Wie der Cambridge-Wissenschaftler erklärt: „Glücklicherweise hat Liszt uns genügend Informationen hinterlassen, anhand derer wir seine durchgängige musikalische Konzeption nachvollziehen und wiederherstellen konnten. Wir werden niemals genau wissen, warum er die Arbeit an dieser Oper aufgegeben hat. Es scheint, dass Liszt mit dem Libretto des 2. und 3. Akts nicht zufrieden war”, vermutet Trippett und ergänzt: “Ich glaube, er wäre überrascht zu erfahren, dass der 1. Akt im 21. Jahrhundert wiederaufgetaucht ist, und hätte vermutlich darüber gelächelt.“

Die Uraufführung von „Sardanapalo“ wird von Deutschlandfunk Kultur übertragen und soll beim Label audite auf CD erscheinen.

Weitere Aufführungen sind in der nächsten Saison u.a. in La Spezia (Suoni dal Golfo / Orchestra Excellence / Gianluca Marcianò) und in Washington DC (Library of Congress, originale Version mit Klavier) geplant.

Hier finden Sie ein kurzes Video mit Auszügen aus “Sardanapalo, hier einen Dokumentarfilm über Wiederherstellung der Partitur und hier eine kurze Arie.

Eine kritische Ausgabe der Musik wird 2019 beim Verlag Editio Musica Budapest (Universal Music Publishing) erscheinen, und die zugrunde liegende Forschungsarbeit wird im Verlauf diesen Jahres im Journal of the Royal Musical Association veröffentlicht.

Franz Liszt: “Sardanapalo”
Opernfragment, Uraufführung des 1. Akts
(Bearbeitung und Orchestrierung: David Trippett

19. und 20. August 2018, 19.30 Uhr, Weimarhalle (Unesco-Platz 1, Weimar)
Staatskapelle Weimar
Dirigent: Kirill Karabits
Solisten: Joyce El-Khoury (Sopran), Charles Castronovo (Tenor), Oleksandr Pushniak (Bariton)
Damen des Opernchores des Deutschen Nationaltheaters Weimar

Neben der Uraufführung steht in beiden Konzerten „Eine Sinfonie nach Dantes Divina Commedia“ auf dem Programm.

Weitere Informationen:
www.kirillkarabits.com
www.nationaltheater-weimar.de
www.davidtrippett.com