Andris Nelsons und BSO: Schostakowitsch, vierter Streich

Auf drei äußerst erfolgreiche Schostakowitsch-Einspielungen können Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra bereits zurückblicken. Nun legen sie mit der Sechsten und Siebten Symphonie sowie der „Suite aus der Schauspielmusik zu ‚König Lear‘“ die nächste Veröffentlichung vor. In den unten stehenden Liner Notes zu dem Album, das am 22. Februar 2019 bei der Deutschen Grammophon erscheint, erläutert Harlow Robinson die Entstehungsgeschichte der drei Werke.

Schostakowitsch im Schatten von Stalin
Symphonien Nr. 6 & 7 »Leninhrader« · Schauspielmusik zu»King Lear« · Festouvertüre

Für Dmitri Schostakowitsch waren die späten dreißiger Jahre die besten und gleichzeitig die schlechtesten Zeiten. Nach den massiven Angriffen von offizieller Seite auf seine Oper »Lady Macbeth« von Mzensk Anfang 1936 gelang es Schostakowitsch Ende 1937 mit einem triumphalen Erfolg seiner Fünften Symphonie, seine Karriere zu retten, und der junge Komponist konnte eine seltene Phase der Ruhe genießen. Die anfänglichen Turbulenzen in seiner Ehe mit Nina Varzar hatten nachgelassen, und er war stolzer, frischgebackener Vater eines Sohnes und einer Tochter. Schostakowitsch schien das Leben zu genießen. »Ich kenne kein anderes Land, in dem eine Person so frei atmen kann«, so lautete ein populäres sowjetisches Lied der Zeit. Hinter der sich selbst verherrlichenden Zurschaustellung von Wohlstand und »Zaubertheater«, das von Stalins gigantischer Propagandamaschine geschaffen wurde, lauerten Terror und Paranoia. 1937/38 führte eine Kampagne zur Säuberung des Landes von angeblich ideologisch gefährlichen »Volksfeinden« zu Massenverhaftungen, Inhaftierungen und Hinrichtungen. Einige von Schostakowitschs engsten Freunden, Weggefährten und Mitarbeitern wurden Opfer dieses Wahnsinns. In dieser gefährlichen Atmosphäre vermied Schostakowitsch eine Zeitlang große sinfonische Werke und ging stattdessen mit der Komposition von Filmmusiken in Deckung. Darunter war Mann mit Gewehr, eine propagandistische Filmbiographie über Wladimir Lenin aus dem Jahr 1938. Wie alle sowjetischen Künstler lebte Schostakowitsch in ständiger Angst vor einer unmittelbar bevorstehenden Verhaftung. Andris Nelsons merkt an: »Schostakowitsch hatte seinen Koffer gepackt und war jederzeit bereit zu gehen. Wenn er weniger intelligent oder arroganter gewesen wäre, hätte er vermutlich nicht überlebt. Zum Glück für ihn ist es sehr schwer auszumachen, was Musik wirklich ›bedeutet‹. Er konnte der Kommunistischen Partei bestimmte Dinge so angenehm übermitteln, dass diese nichts dagegen einwenden konnte.«

Im April 1939 begann Schostakowitsch mit der Arbeit an der Sechsten Symphonie. Mit etwa 30 Minuten Dauer ist sie erheblich kürzer als die Fünfte (45 Minuten) und auch die Siebte (weit über eine Stunde). Aus verschiedenen Gründen, einschließlich ihrer ungewöhnlichen Anlage (einem langen langsamen  Satz, gefolgt von zwei kurzen schnellen), löste die Sechste Verwirrung und – im stark politisierten Umfeld der sowjetischen Musik – auch Kontroversen aus.

Die Realität der internationalen politischen Situation spielte zweifellos eine Rolle bei der kühlen offiziellen Aufnahme dieser meditativen und skurrilen neuen Symphonie. Schostakowitsch beendete die ersten beiden Sätze am 27. August 1939, nur vier Tage nachdem der sowjetische und der deutsche Außenminister ihren berüchtigten Nichtangriffspakt unterzeichnet hatten. Stalin wurden darin strategische territoriale Zugeständnisse für das Versprechen gemacht, militärische Aktionen gegen Hitlers Wehrmacht zu unterlassen, die kurz davorstand, in Polen einzumarschieren. In solch einem schwierigen Moment wirkte die seltsam neutrale, ja sogar ironische Qualität der Sechsten – vor allem in den beiden letzten Sätzen – unangemessen. Schostakowitsch gab zu, dass die Sechste »sich in Stimmung und emotionalem Ton« von der tragischen und intensiven Fünften erheblich unterschied. »Hier wollte ich Gefühle des Frühlings, der Freude und der Jugend ausdrücken.«

Als nächstes übernahm Schostakowitsch eine völlig andere Aufgabe: Die Bühnenmusik für eine Inszenierung von Shakespeares »King Lear«davorstehen, die im Leningrader Gorki-Theater aufgeführt wurde. Der Regisseur war der geachtete Grigori Kosinzew (1905–1973), einer von Schostakowitschs bevorzugten künstlerischen Partnern. Fünf kurze Fanfaren (für zwei Hörner, zwei Trompeten und kleine Trommel) charakterisieren die Partitur. Diese etwas ungewöhnlichen, dissonanten und unheilvollen Blechbläser-Zwischenspiele erzeugen eine bedrohliche Atmosphäre kriegerischer Spannung und Angst. Die schwere Orchestrierung betont den perkussiven »modernen« Klang und das Wehklagen zweier Fagotte. Zu Beginn gibt ein kraftvolles trauriges Motiv die Stimmung vor und kehrt später als verbindender Refrain wieder. Eine ungewöhnliche Instrumentenwahl verstärkt den dramatischen Effekt. In der »Szene in der Steppe« spielen die Streicher etwa col legno, wobei die Saiten mit dem Holz des Bogens geschlagen werden.

Kosinzews Inszenierung wurde am 24. März 1941 erstmals gezeigt. Drei Monate später, am 22. Juni, brach Hitler den Nichtangriffspakt und startete eine massive Invasion in der UdSSR. Innerhalb weniger Wochen hatten die deutschen Truppen die Außenbezirke von Schostakowitschs geliebtem Leningrad erreicht. Die Stadt, die bald umzingelt war, erlebte eine katastrophale 900-tägige Belagerung, ergab sich jedoch trotz schrecklichen Leids und zahlloser Toter den Truppen Hitlers nicht.

Vor der Invasion hatte Schostakowitsch eine neue Symphonie begonnen. Ende Juli, als Leningrad von anhaltenden deutschen Bombardements erschüttert wurde, nahm er die Arbeit mit neuer Energie und Zielstrebigkeit auf. Der erste Satz beginnt mit einem selbstbewussten, schreitenden »Heimat«-Thema in den Streichern und stellt diesem ein kontrastierendes lyrisches Thema gegenüber. Anstatt diese Themen in der üblichen Sonatenform zu entwickeln, fügt Schostakowitsch eine erweiterte separate Episode (»Invasion«) ein, die seine vielleicht berühmteste Melodie wurde. Dieses ansteckend einfache Marschlied in Es-Dur springt zwischen Tonika und Dominante hin und her und erinnert an angetrunkene deutsche Soldaten, die in einem Wirtshaus singen. Die 21-taktige Phrase verwandelt sich über elf Variationen hinweg in Anlehnung an Ravels Boléro. Sie wächst zu gigantischen Ausmaßen, und die Besetzung schwillt mit Klavier, Pauke, Xylophon, Becken, Basstrommel und schließlich einer erweiterten Bläsergruppe (mit acht Hörnern, sechs Trompeten und sechs Posaunen) immer weiter an. In Variation 10 bewegt sich die Blechbläsergruppe in Halbtonschritten auf und ab und heult wie Luftschutzsirenen. Am Ende kehrt das »Invasion«-Thema zurück, schwebend mit einem melancholischen, gedämpften Trompetensolo – wie ein entfernter Schlachtruf.

Im Gegensatz dazu ist der zweite Satz das, was der Komponist als »lyrisches, sehr zartes Intermezzo« bezeichnete, sogar mit »ein bisschen Humor«, an »Zeiten und Ereignisse, die glücklich und ein bisschen melancholisch waren« erinnernd. Das folgende Adagio beginnt mit einer wiederkehrenden choralähnlichen Episode, die mit einem sehnsuchtsvollen zweiten Thema, das von der Flöte angekündigt wird, verwoben ist. Zwei Harfen erzeugen eine ätherische, himmlische Atmosphäre. Einige Monate später komponierte Schostakowitsch den vierten Satz in der Wolgastadt Kuibyschew, wohin er und seine Familie evakuiert worden waren. Einer vorsichtigen, ruhigen Einleitung für gedämpfte Streicher, Harfe, Flöte und Pauken folgt eine ausgedehnte Verarbeitung von zwei weiteren Militär- Themen. Nach einer nachdenklichen Sarabande rast der Satz auf das Finale und eine kathartische Wiederkehr des triumphalen »Heimat« -Themas zu.

Bald nach ihrer sowjetischen Premiere in Kuibyschew im März 1942 wurde die Partitur der Siebten (der Stadt Leningrad gewidmet) auf Mikrofilm aufgezeichnet und sorgsam nach New York gebracht. Arturo Toscanini gewann den Kampf um die amerikanische Erstaufführung mit dem NBC-Symphonieorchester am 19. Juli 1942, einer unter großem Werbeaufwand veranstalteten Feier der Solidarität mit dem ehemaligen Verbündeten der USA, der im Rundfunk Millionen von Menschen zuhörten. Dutzende weiterer Aufführungen folgten bald in Amerika und auf der ganzen Welt, wodurch sich die »Leningrader« Symphonie als starkes Symbol des Widerstands gegen den Faschismus etablierte.

1947 kündigte Schostakowitsch an, er arbeite an einer neuen Ouvertüre, die »die Stimmung derer vermitteln würde, die die schwierigen Prüfungen der Kriegsjahre überstanden hatten«. Die Festouvertüre wurde jedoch erst 1954, ein Jahr nach Stalins Tod,  als Auftragswerk des Bolschoi-Theaters zur Feier des Jahrestags der bolschewikischen Revolution vollendet. Schostakowitsch schrieb die Partitur innerhalb weniger Stunden nieder.

Die extrovertierte, grelle und fröhliche Festouvertüre, die auf ihrem mitreißenden Höhepunkt durch ein Blechbläserensemble aus sechs Trompeten, sechs Posaunen und acht Hörnern verstärkt wird, ist zu einem der beliebtesten Crossover-Werke von Schostakowitsch avanciert. Hier kommt die hellere Seite der komplexen Persönlichkeit des Komponisten zum Vorschein – vielleicht ein Reflex der neuartigen Gefühle der Befreiung und Erleichterung, die von allen Sowjetbürgern empfunden wurden, als sie schließlich aus Stalins Schatten wieder hervortraten.

Harlow Robinson

Übersetzung: Anne Schneider