Daniel Lozakovich: Russische Seele, russische Melancholie

Violinist Daniel Lozakovich hat mit seinem Mentor und Entdecker Vladimir Spivakov Tschaikowskys berühmtes Violinkonzert und weitere Werke des Komponisten eingespielt – und dabei seine eigenen Wurzeln erkundet.

Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, dass die russische Dirigenten-Legende Vladimir Spivakov eine Kassettenaufnahme vom Geigenspiel des damals 8-jährigen Daniel Lozakovich anhörte und ihm daraufhin einen kometenhaften Aufstieg voraussagte. Spivakov sollte recht behalten: Heute ist der schwedische Violinist der jüngste Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon seit Anne-Sophie Mutter und wird von den großen Namen der Klassikwelt – wie Andris Nelsons, Esa-Pekka Salonen und Valery Gergiev – gern und häufig als Solist eingeladen. So sollte es nicht verwundern, dass der mittlerweile 18-jährige für sein neues Album erneut mit Spivakov zusammenarbeitete, hatte dieser ihm doch mit dem Debüt bei den Moskauer Virtuosen damals zum großen Durchbruch verholfen. Gemeinsam mit der Russischen Nationalphilharmonie haben Daniel Lozakovich und Vladimir Spivakov Werke von Tschaikowsky aufgenommen, darunter dessen berühmtes Violinkonzert, das der Komponist unweit von Lozakovichs heutigem Wohnort am Genfer See schrieb. „Tschaikowsky ist hierhergereist, um nachzudenken, um seine Ehe zu vergessen und auch aufgrund dieses melancholischen Gefühls, das er nie richtig abschütteln konnte. Er hat immer etwas vermisst – etwas, das ihm Weite gibt,“ so Lozakovich. „Er lebte im Verborgenen und konnte sich nicht wirklich öffnen. Deshalb war seine Melancholie so unendlich groß.“

Auf der neuen CD ist daher auch das titelgebende „None but the Lonely Heart“ zu finden. Die Komposition ist für Daniel Lozakovich „so etwas wie das Motto des Albums. Ursprünglich war es ein Lied über Goethes ‚Nur wer die Sehnsucht kennt‘. Während das Violinkonzert strahlt und mitreißt, den Zuhörer teilweise extrovertiert für sich einnimmt, kehrt Tschaikowsky hier die Richtung um, nach innen,“ erzählt Lozakovich. „Das hört man: Er ist hier ganz allein, man versteht das Gefühl der vollkommenen Einsamkeit. ‚None but the Lonely Heart‘ ist eigentlich für Stimme und Klavier geschrieben. Ich hatte das Gefühl, dass für Tschaikowsky genau dieser Gesangscharakter wichtig ist, und den wollte ich auf der Violine widerspiegeln.“ Neben der Bearbeitung von „None but the Lonely Heart“ sind noch weitere Transkriptionen auf dem Album zu hören, darunter auch ein Violinarrangement von Lenskys Arie aus „Eugen Onegin“. Weiter haben Spivakov und Lozakovich „Souvenir d’un lieu cher“, den „Valse-Scherzo“, den „Valse Sentimentale“ und die „Méditation“ eingespielt.

Daniel Lozakovich erkundet mit dem russischen Repertoire auch seine eigenen musikalischen und familiären Wurzeln. „Ich war immer von Menschen umgeben, die aus Russland bzw. der ehemaligen Sowjetunion stammen. All meine Lehrer sind mit der russischen Sprache aufgewachsen und sie alle haben die alte sowjetische Schule erlebt. Es ist ein großes Glück, das teilen und mitteilen zu können, was man als russische Seele bezeichnet – eine gemischte russische Seele, in meinem Fall,“ ergänzt er lachend.

 

None but the Lonely Heart

Daniel Lozakovich
Vladimir Spivakov, Russische Nationalphilharmonie

VÖ 18.10.2019 bei der Deutschen Grammophon

 

Kommende Konzerttermine

30.8.                Gstaad Menuhin Festival

02.09.              Montreux

08.09.              Biel

14.-16.12.       München

 

Foto © Lev Efimov