Die vielen Facetten des Igor Strawinsky

Mit dem Namen Igor Strawinsky verbinden die meisten Musikhörer wohl das berühmteste Fagott-Solo der Welt, das, fast unspielbar, den seit seiner Uraufführung 1913 berühmt-berüchtigten „Sacre du Printemps“ einleitet. Dass der Komponist dabei über eine fast beispiellos große stilistische Bandbreite verfügte, machen nun Gustavo Gimeno und das Orchestre Philharmonique du Luxembourg auf ihrer neuesten Einspielung für PENTATONE hörbar. Mit Werken Strawinskys von 1909 bis 1957 und einer herausragenden Klangkultur, die auch Zeugnis für die hervorragende Zusammenarbeit Gimenos mit dem Orchester ist, legen sie ihren Fokus dort auf die Vielfalt im musikalischen Kosmos des Komponisten.

Dieses Solo ist eigentlich unmöglich. In den höchsten Registern verortet Strawinsky den Beginn seines „Sacre du Printemps“ – und das ausgerechnet beim Fagott, dessen eigentliche Klangqualitäten hier auf fast schon bedenkliche Art und Weise durch den Komponisten vernachlässigt werden. Als Zumutung empfanden auch Teile des Publikums das Stück, dessen – kalkulierte – Skandal-Premiere in Paris 1913 in die Theatergeschichte einging. Heute ist „Le Sacre du Printemps“ längst im Kanon angekommen, hat von seiner archaischen Kraft in den letzten 100 Jahren dabei nichts eingebüßt – und kann immer wieder überwältigen, wenn wie in der vorliegenden Einspielung ein so stilistisch flexibles wie versiertes Orchester auf einen Dirigenten trifft, der in der vielschichtigen Partitur die Balance zwischen detailgenauer Transparenz und exzessiven Energie-Schüben zu finden weiß.

Weit weniger bekannt als der „Sacre“ ist der „Chant funèbre“, den Strawinsky im Jahr 1908 komponierte und der eine abenteuerliche Rezeptionsgeschichte aufweist. Anlass der Komposition war der Tod Nikolai Rimsky-Korsakovs, dessen Schüler Strawinsky war: Uraufgeführt 1909 anlässlich eines Gedenkkonzerts für den Lehrer, kam das Stück nach seiner Premiere nie wieder auf die Pulte – und ging im Verlauf der späteren Revolutionswirren verloren. Erst 2015 wurde der Orchestersatz durch Zufall entdeckt und 2016 leitete Valery Gergiev das Mariinsky-Orchester in der erst zweiten Aufführung dieses Opus Nr. 5 von Strawinsky. Er selbst bezeichnete es als das beste seiner Werke vor dem „Feuervogel“, und tatsächlich gilt die instrumentale Ode als Bindeglied zwischen den Frühwerken Strawinskys und den beiden Balletten „Der Feuervogel“ und „Petruschka“, die 1910 und 1911 entstanden. Dem Werk liegt die Idee zu Grunde, dass die Solo-Instrumente des Orchesters am Grab vorbeiziehen und die immer selbe Melodie als ihre eigenen „Kränze“ darauf ablegen – eine gute Gelegenheit für die Solisten des Orchestre Philharmonique du Luxembourg, ihre glänzende Spielkultur zu zeigen.

Fast 30 Jahre und einiges an Weltruhm später, 1937, entstand das Ballett „Jeu da Cartes“ für einen der wichtigsten Kollaborationspartner Strawinskys: den Choreographen Georges Balanchine. Dieser gründete in den 30er Jahren in New York das American Ballet, das zeitweise als Residenzkompagnie der Metropolitan Opera agierte. Zum Anlass ihres Einstands an der MET wurde Strawinsky mit einer Ballett-Musik beauftragt: Es entstand „Jeu de Cartes“, das der Komponist selbst zur Uraufführung brachte. Die Handlung des Balletts scheint denkbar simpel: Die Hauptpersonen sind die Karten eines Pokerspiels, die den scheinbar unbesiegbaren Joker im dritten Akt doch zu Fall bringen. Der Bluff vollzieht sich dabei nicht nur in der Handlung, sondern auch musikalisch: Strawinsky verfremdet Stücke aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ und der „Fledermaus“ von Johann Strauß, er spielt auf Tschaikowsky und Ravel an – eine neoklassizistische und gleichzeitig leichtfüßig-ironische Annäherung an die Traditionen des Tanztheaters.

Ebenfalls als Ballett zu Berühmtheit gebracht, wenn auch ursprünglich nicht als solches angelegt, hat es das „Concerto en ré“ für Streichorchester aus dem Jahr 1946: Ein Auftragswerk des Dirigenten Paul Sacher für sein Basler Kammerorchester, ist das Stück mit dem Beinamen „Basel“ zwar nur 12 Minuten lang (mehr wollte Strawinsky für die ihm gebotene Summe nicht komponieren), präsentiert sich dafür aber als lupenreine Demonstration für Strawinskys neoklassizistischen späten Stil, vereint es doch die dreisätzige Struktur eines Konzerts für Kammerorchester mit einem klassischen divertimento und rhythmischen und motivischen Studien im originalen Strawinsky-Stil. Uraufgeführt 1947, wurde das Werk immer wieder im Konzertsaal aufgeführt, erreichte jedoch weitreichende Bekanntheit vor allem durch seine Nutzung für das Ballett „The Cage“, welches das New York City Ballet 1951 aufführte und welches noch heute als Klassiker des Ballett-Repertoires gilt.

Mit „Agon“ ist zuletzt ein weiteres Werk auf der Aufnahme enthalten, das für Georges Balanchine und seine Kompagnie entstand. Als choreographisches Zahlenspiel ist „Agon“, uraufgeführt 1957, für zwölf Tänzer und Orchester komponiert und basiert auf der Zwölfton-Technik, wobei einige der Sätze auf höfischen Tänzen aus dem Frankreich des 17. Jahrhundert beruhen. Zu jedem Satz präsentiert das Orchester ein anderes Klangbild: Obwohl auf historisierende Instrumente verzichtet wird, kommen ungewöhnliche Kombinationen wie Mandoline, Harfe und Klavier der Musik der Epoche mit ihren vielen Zupfinstrumenten sehr nahe. In dem Stück, dessen Titel „Wettstreit“ bedeutet, verbindet Strawinsky laut Musikkritiker Alex Ross alle Elemente seines musikalischen Schaffens: das Russisch-Primitive, das Französisch-Neoklassizistische, das Amerikanisch-Modernistische – ein mehr als passender Abschluss für die umfassende Doppel-CD des Orchestre Philharmonique du Luxembourg unter Gustavo Gimeno, die eine Überblick über das Schaffen Strawinskys in all seiner Vielfalt bestens geeignet ist.

Gustavo Gimeno
Orchestre Philharmonique du Luxembourg

Stravinsky

Le Sacre du Printemps
Chant funèbre
Jeu de Cartes
Concerto en ré « Basel »
Agon

VÖ: 19.10. bei PENTATONE