Andris Nelsons: Neues aus dem Bruckner-Zyklus

In ihrer neuen Veröffentlichung setzen Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig am 3.5. mit den Symphonien Nr. 6 und 9 ihren erfolgreichen Bruckner-Zyklus bei Deutsche Grammophon fort. 

Andris Nelsons’ Interpretationen von Bruckners Symphonien sind geprägt von seinem Verständnis der vielen Widersprüche im Wesen des Komponisten. Zwar war sich Bruckner grundsätzlich seiner Fähigkeiten bewusst, aber er war auch unsicher, und diese Unsicherheit veranlasste ihn, seine Partituren immer und immer wieder zu überarbeiten. Das neueste Album im Bruckner-Zyklus, den der lettische Dirigent mit dem Gewandhausorchester Leipzig für Deutsche Grammophon einspielt, enthält die Symphonien Nr. 6 und 9, denen Wagners Siegfried-Idyll bzw. das Vorspiel zu Parsifal vorangestellt ist. Es erscheint am 3. Mai 2019. Licht und Dunkel, Triumph und Tragödie, Leben und Tod existieren hier nebeneinander in einem Zustand quälender Spannung, deren Auflösung die Gegensätze nicht versöhnt.

Nelsons will vor allem »den Menschen Bruckner zeigen«, erklärte er Gramophone im April 2018, »den Menschen Bruckner mit all seinen Zweifeln und Obsessionen, der aber auch sehr religiös ist und nach bestimmten strengen Regeln lebt und wie das manchmal mit seiner musikalischen Auffassung in Konflikt gerät und sie manchmal zur Entfaltung bringt«.

Die Musiker des Gewandhausorchesters bringen diese Zwiespältigkeit von Bruckners Werk lebhaft zur Geltung. Der Komponist gehört zur DNA des Orchesters. Schon 1884 spielten die Leipziger die Uraufführung seiner Siebten. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg schrieben sie erneut Geschichte mit der Aufführung des ersten Gesamtzyklus von Bruckners neun Symphonien. »Das Gewandhausorchester verfügt über eine ganz besondere Fähigkeit, diese Musik zu spielen«, sagt Nelsons, »es gibt da eine Sensibilität und Intimität, die ich sehr mag.«

Nelsons und das Orchester sind jetzt in der Vorbereitung, Bruckners Symphonie Nr. 5 auf die Bühne zu bringen, zu Hause in Leipzig (9., 10. und 12. Mai) sowie in Madrid (22. Mai), Tokio (30. Mai) und Peking (8. Juni). Sie widmen sich danach der Achten mit einer Reihe von Aufführungen bei Sommerfestivals – dem Rheingau Musik Festival (22. August), Lucerne Festival (25. August) und den Salzburger Festspielen (28. August) – und dann in Köln (2. September), Essen (3. September) und Leipzig (5. und 6. September).

Andris Nelsons begann seinen Leipziger Bruckner-Zyklus im Mai 2017 mit der Symphonie Nr. 3. In Fortsetzung des Projekts erschienen im vorigen Jahr kurz hintereinander die Symphonien Nr. 4 und Nr. 7. »Falls jemand bezweifelt, dass ein Dirigent weitreichenden Einfluss auf ein Orchester haben kann, dann braucht er nur diese CD zu hören«, schrieb die Financial Times (London) über die Vierte. Und die Times (London) pries Nelsons’ lyrische Phrasierung in der Siebten, die wichtig ist, »um den Schwung zu schaffen, der verhindert, dass Bruckners eigenwillige Architektur zu isolierten Blöcken erstarrt«.