François-Xavier Roth: Wegbereiter Berlioz

Am 25. Januar erscheint auf harmonia mundi die neue Veröffentlichung von François-Xavier Roth, Les Siècles, Tabea Zimmermann und Stéphane Dégout mit Aufnahmen von Hector Berlioz‘ Les Nuits d’été und Harold en Italie. Eine neue Ästhetik verlangt nach neuen Formen – dieser Herausforderung stellte sich der Komponist in den beiden hier präsentierten Werken. In den Nuits d’été versuchte Berlioz sich – lange vor Mahler und Ravel – erstmals an einem Liederzyklus für Singstimme und Orchester; in Harold en Italie für großes Orchester und Solobratsche experimentierte er mit der sinfonischen Gattung.

Was stellt Hector Berlioz für Sie und das Orchester Les Siècles dar?
François-Xavier Roth: Berlioz gehört quasi seit der Gründung des Orchesters zu dessen Geschichte, und er ist ganz besonders präsent, seit wir uns mit seinem Geburtsort La Côte-Saint-André zusammengetan haben, wo wir jedes Jahr im Rahmen des wunderbaren, von Bruno Messina geleiteten Festival Berlioz auftreten. Seine Musik habe ich über meine Vorgänger und während meiner noch kurzen Laufbahn kennengelernt, z.B. als ich Assistent von Sir Colin Davis war, damals Chefdirigent des London Symphony Orchestra: Das erste Werk, das ich mit ihnen einstudierte, war Les Troyens. Dann hatte ich das Glück, mich mit demselben Werk am Théâtre du Châtelet als Assistent von Sir John Eliot Gardiner zu beschäftigen, der mir eine völlig neue Dimension des Komponisten erschloss: Berlioz auf historischen Instrumenten. Man kann sagen, dass Berlioz damals, d.h. in den ersten 2000er Jahren, auf ganz entscheidende, geradezu blitzartige Weise in mein Leben als Dirigent getreten ist und dass er mich seither nie mehr verlassen hat.

Welchen Beitrag kann das Timbre des Baritons von Stéphane Degout hier leisten?
In den Nuits d’été stellt sich in der Tat die Frage nach den Singstimmen, denn es handelt sich um einen Zyklus, der für verschiedene Stimmlagen geschrieben wurde. Ich denke, mit Stéphane Degout befinden wir uns in einer idealen Situation, denn er hat viel mehr zu bieten als einfach nur das richtige Stimmfach: Wir haben es bei ihm mit einem französischen Bariton von außergewöhnlicher Ausdruckskraft, Noblesse, darstellerischer Schönheit und hoher Textintelligenz zu tun. Was er in die Melodie allgemein und in die französische Melodie im Speziellen hineinzutragen vermag, das macht ihn zu einem erstklassigen Interpreten, und so ist es für mich völlig klar, dass man ihm diesen Zyklus einfach anvertrauen muss.

Welche Bedeutung hat der Umstand, dass hier Instrumente aus Berlioz Zeit zum Einsatz kamen?
Wie anderen Komponisten, die den Orchestersatz erneuerten, war auch Berlioz daran gelegen, die ihm zur Verfügung stehenden Instrumente optimal zur Geltung zu bringen. Er wusste über die Neuheiten im Bereich des Instrumentenbaus genau Bescheid, und so wie es einem Koch auf die richtigen Zutaten ankommt, so wollte Berlioz die richtigen Instrumente einsetzen. Es ist wirklich spannend, die authentischen Klangfarben der Instrumente aus Berlioz‘ Zeit zu hören, denn dadurch erfasst man sehr rasch, welcher Art die damals neuen Klangkombinationen waren. Es wäre viel schwieriger, diese mit jüngeren oder modernen Instrumenten zu erzeugen, während man mit den Instrumenten, für die Berlioz schrieb, sofort versteht, was auf dem Spiel stand und wie er die neuen Klangfarben herzustellen beabsichtigte. Diese noch nie da gewesenen Klangmischungen kann nicht nur ein großes Sinfonieorchester, sondern auch schon ein kleineres Orchester wie das der Nuits d’été vermitteln.

Das andere Meisterwerk dieser Einspielung, Harold en Italie, wurde unter Beteiligung von Tabea Zimmermann aufgenommen. Würden Sie sagen, dass die Interpreten hier vor den gleichen Herausforderungen stehen wie bei den Nuits d’été, oder gibt es Unterschiede?
Mit Harold en Italie lernen wir eine andere Seite von Berlioz kennen. Die einzige Gemeinsamkeit mit den Nuits d’été liegt darin, dass es eine Person gibt, die eine Art solistische Rolle verkörpert. Bei den Nuits d’été ist das recht klar, denn da singt eine vom Orchester begleitete Solostimme die vertonten Texte; bei Harold en Italie stellt sich die Sache dagegen viel komplexer dar: Die Solobratsche ist kein konzertierendes Instrument, wie es typischerweise die Instrumentalkonzerte der Romantik vorsehen, sondern sie stellt musikalisch eine Person dar, einen Erzähler und Protagonisten der Geschichte von Harold, um die es geht. Berlioz hat hier für das Soloinstrument eine ganz neue Rolle erfunden, was sich mithin auf das Verhältnis zwischen Solist und Orchester auswirkt. Ich vergleiche dieses Werk von Berlioz oft mit Don Quixote von Richard Strauss, einer Tondichtung, in der das solistisch eingesetzte Violoncello ebenfalls eine Person zu repräsentieren scheint. Mit Harold en Italie hat Berlioz lange vor Richard Strauss diesen Typus erfunden.

Zeigen Sie uns mit dieser Aufnahme einen Berlioz auf der Suche nach einer künstlerischen Neuausrichtung?
Man könnte annehmen, dass es sich hier um zwei Werke handelt, die nicht viel gemeinsam haben: Harold en Italie hat eine riesige, die Nuits d’été eine kleine Orchesterbesetzung. Doch beiden ist die Tatsache eigen, dass Berlioz mit ihnen neue Muster geschaffen hat: Als erster Komponist schrieb er einen Melodiezyklus mit Orchesterbegleitung und eine sinfonische Dichtung mit Solobratsche. Insofern lässt die vorliegende Aufnahme ermessen, wie weit Berlioz mit seinen musikalischen Erneuerungen ging.

Das Gespräch wurde von harmonia mundi im Juli 2018 geführt (Übersetzung: Irène Weber-Froboese)

Am 11. Januar präsentierten François-Xavier Roth, Tabea Zimmermann und Les Siècles Werke von Berlioz, darunter auch Harold, in der Pariser Philharmonie. Das Konzert gibt es hier im Stream.