Francesco Piemontesi: Schubert für Erwachsene

„So sicher bewegt sich [Francesco Piemontesi] zwischen Intellekt und Naivität, so ebenmäßig ist sein Spiel, perfekt temperiert zwischen Leichtigkeit und Tiefgang, sehnsuchtsvoll und verspielt zugleich, mit einer Neugier, als würde er die Musik im Moment des Spielens erst entdecken und gleichzeitig so überlegen und reif, wie es nur eine jahrelange und intensive Beschäftigung hervorbringt. Mit aller Hingabe gespielt, liebevoll und dennoch den Überblick wahrend.“ Deutschlandradio Kultur

Was zeichnet einen großen Solisten aus, wenn nicht die perfekte Balance aus Poesie und Intellekt? Nur wenige Künstler verkörpern wohl diese Mischung so klar wie der Schweizer Pianist Francesco Piemontesi, der sein einmaliges Können – und seinen Anspruch – kürzlich in seinem mehrere Alben umfassenden Aufnahmeprojekt mit Liszts „Années de Pèlerinages“ auf Orfeo unter Beweis stellte. Auch sonst sucht der Schweizer gern die Herausforderung, sei es als Künstlerischer Leiter der Settimane Musicali di Ascona, auf seiner neuen Schubert-CD, die er am 20.09. bei Pentatone herausbringt, oder beim großen Schubert-Zyklus in Schwarzenberg, Hohenems und London.

Die großen Schubert-Zyklen unserer Zeit – meist werden sie von reifen und nicht selten etwas älteren Pianisten präsentiert, die ihre jahrzehntelange Erfahrung in der Musik Schuberts zur Geltung bringen. Ein wenig ungewöhnlich ist es also, dass Francesco Piemontesti beschloss, mit Mitte 30 einen Zyklus mit Schuberts letzten Sonaten aufzunehmen. Den Anstoß gab 2013 Piemontesis Mentor, selbst eine große Schubert-Legende: „Alfred Brendel war der Erste, der mich dazu anspornte, diese drei Meisterwerke in einem einzigen Konzert aufzuführen“, so Piemontesi. „Er sprach von ihnen als ‚Kantianischem Dreiklang‘: Eine These von zerstörerischer und makabrer Kraft in der C-Moll-Sonate, auf die in A-Moll eine Antithese der positiven Aktivität folgt, kommt durch die Synthese resignierter Nüchternheit in der letzten Sonate zum Abschluss. Schuberts letzte Sonaten gehören einfach zusammen.“

Piemontesis Interpretation der Werke ist jedoch nicht als philosophische Abhandlung zu verstehen, sondern als zutiefst persönliches und menschliches Unterfangen: „Schuberts Musik ist Musik des Lebens,“ erzählt er. „Sie hat mich schon seit dem Anfang begleitet. Ich komme immer wieder zu ihr zurück und kann gar nicht anders, als immer wieder Schubert zu spielen. Diese drei Sonaten sind vielleicht das Existenziellste, das es im Klavierrepertoire gibt. Sie sind so voll von Schönheit, von Leben, Tod, Trauer, Menschlichkeit und gehören zum Persönlichsten, was ein Komponist jemals geschaffen hat.“

Die Klaviersonaten 958, 959 und 960 sind die letzten drei Werke, die Franz Schubert vor seinem unzeitigen Tod 1828 vervollständigte. Heute sind sie als bemerkenswert erwachsene Kompositionen anerkannt; unter Schuberts Zeitgenossen erfreuten sich die Werke jedoch keiner sonderlichen Beliebtheit. Sie galten gar als „vernachlässigbar“ und wurden erst ein Jahrzehnt nach ihrer Fertigstellung veröffentlicht. Die tiefgründige Reife der Sonaten erfordert vom Interpreten ein außerordentlich hohes Maß an geistiger Auseinandersetzung – eine Kompetenz, für die Francesco Piemontesi schon jetzt bekannt ist: „Piemontesi vereint atemberaubende Technik mit einer intellektuellen Schöpfungskraft, die ihresgleichen sucht“, schrieb beispielsweise der Spectator über den Pianisten.

Zu dieser Schöpfungskraft gehört auch das Herausarbeiten der ganz besonderen Tonalität der Sonaten. „Die hauptsächliche Kritik an den Werken lautet auch heute noch, sie seien zu lang, formal nicht präzise genug, böten nicht genug pianistischen Zündstoff – und seien deshalb ungeeignet für eine wirksame Aufführung. Laut Zeitzeugen war Schubert kein Virtuose im Stile Liszts. Sein Klavierspiel war eher introvertiert: Gelobt wurde er vor allem für seine singenden Ton. Dieser Aspekt hat mich am meisten an den Sonaten fasziniert; erst in den ganz subtilen Tonfarben ergeben die klanglichen Kapriolen der Stücke Sinn“, so Piemontesi.

Neben der Veröffentlichung auf Pentatone stehen auch umfangreiche Live-Auftritte mit Schubert an: In einem groß angelegten Performance-Reigen präsentiert Francesco Piemontesi bei der Schubertiade sowie in der Londoner Wigmore Hall bis 2022 alle Klavierwerke des Komponisten. Im Sommer 2019 stehen dem Pianisten zudem noch zwei weitere Highlights bevor: Mozart-Matineen bei den Salzburger Festspielen und die Settimane Musicali di Ascona, das Festival, das Piemontesi seit nunmehr sechs Jahren als Künstlerischer Leiter begleitet.

Kommende Termine:

10./11.08.19          Salzburg

18.08.19                Kopenhagen

26.08.19                Gstaad Menuhin Festival

28.08.19                Schubertiade (Schwarzenberg)

13.09.19                Aarhus

20.09.19                Eisenstadt (Herbstgold Festival)

22.09.19                Padua

26.09.19                Schaffhausen

27.09.19                Settimane Musicali di Ascona

28.09.19                La Chaux-de-Fonds

07.10.19                Schubertiade (Hohenems)

18.10.19                Nürnberg

03.11.19                London