François-Xavier Roth und Les Siècles: Hommage an Debussy

Auf CD und DVD präsentieren François-Xavier Roth und Les Siècles Klassiker der musikalischen Moderne sowie unbekanntere Werke Debussys
VÖ: 16.11. bei harmonia mundi

 

Wie kein zweites Orchester versteht sich das von François-Xavier Roth gegründete und geleitete Ensemble Les Siècles darauf, Partituren in all ihrer Farbigkeit und Leuchtkraft zu präsentieren. So zeigten sie zuletzt in Ravels „Daphnis und Chloé“ die ganze Raffinesse des vielschichtigen Werks – und erhielten dafür neben viel Kritikerlob auch einen Gramophone Award für die Orchestereinspielung des Jahres. Nach Ravel widmet sich das Originalklang-Team nun einem zweiten großen Wegbereiter der musikalischen Moderne: Claude Debussy. Dass dessen Musik auch heute noch so aktuell ist wie zur Zeit ihrer Entstehung, zeigen Roth und sein Orchester mit ihrem unverwechselbaren Stil auf der neuesten Einspielung bei harmonia mundi, die Debussys „Prélude à l‘après-midi d’un faune“, die „Nocturnes“ sowie „Jeux“ auf CD und DVD vereint – ein grandioser Einblick in das Schaffen des Franzosen, dessen Todestag sich 2018 zum 100. Mal jährt.

Ich mache gerne moderne Musik – und zwar aus allen Zeiten und Epochen“, so François-Xavier Roth 2015 gegenüber dem Musikmagazin rondo. Dabei geht er keine Kompromisse ein: 2003 gründete er das Ensemble Les Siècles, „die Jahrhunderte“, das den „Originalklang“ für alle Epochen gleichermaßen anstrebt – mit Instrumenten und Spieltechniken aus ihrer jeweiligen Entstehungszeit wird Kompositionen nicht nur der Alten Musik, sondern auch aus Klassik, Romantik und Moderne ein authentischer Klang verliehen. So auch bei Claude Debussy, dessen „Prélude à l’après-midi d’un faune“ den Beginn der aktuellen Einspielung bildet. Uraufgeführt 1894 und inspiriert durch das gleichnamige Gedicht von Stéphane Mallarmé, ist das Werk mit seinen flirrenden Formen keine reine Vertonung des Gedichtinhalts, sondern zeigt „aufeinanderfolgenden Stimmungsbilder, durch die hindurch sich die Begierden und Träume des Fauns in der Hitze dieses Nachmittags bewegen.“, wie Debussy selbst im Programmheft zur Uraufführung schrieb. Auch wenn das Werk den musikalischen Durchbruch Debussys bedeuten sollte, erlangte es zwölf Jahre später noch größeren Ruhm, als es – allerdings ohne Zutun von Debussy – als Ballettmusik für die Kompagnie der „Ballets Russes“ diente, deren Star-Tänzer Vaslav Nijinsky dazu eine Sternstunde des modernen Tanzes schuf. Einige Jahrzehnte später war es Pierre Boulez, Kollege und Freund von François-Xavier Roth, der das „Prélude“ musikgeschichtlich einordnete: „Man kann sagen, dass die moderne Musik mit ‚L’Après-midi d’un Faune‘ beginnt.“ Mussten die Orchester zu Debussys Zeit sich noch mit der neuartigen Instrumentation und Tonsprache vertraut machen, bringen Les Siècles für die fließenden Formen Debussys auch dank ihrer musikalischen Vielseitigkeit die besten Voraussetzungen mit – und schaffen einmal mehr ein faszinierend-schillerndes Klangbild.

Weitaus weniger bekannt als der „Après-midi d’un faune“ ist das 1912 als „poème danse“ für die Ballets Russes konzipierte Werk „Jeux“. Das letzte Orchesterwerk Debussys ist für viele Musikwissenschaftler gleichzeitig das rätselhafteste – die Partitur scheint sich jeder Analyse zu entziehen, über 60 Tempowechsel erwecken den Eindruck von Diskontinuität, und auch bei der Uraufführung 1913 fiel das Werk durch und wurde durch den nur zwei Wochen später uraufgeführten „Sacre du Printemps“ in den Schatten gestellt. Und doch wirkt das Stück heute radikal modern: Rhythmisch komplex, aber dennoch leichtfüßig verbindet die sich ständig wandelnden Motive und Orchesterfarben dennoch ein innerer Zusammenhang – nicht umsonst nannten Komponisten wie Stockhausen und Ligeti „Jeux“ als sie beeinflussendes Werk, und mit Verweis auf den Inhalt des Stücks, einer Dreiecksgeschichte zwischen einem jungen Mann und zwei Mädchen, die durch einen Tennisball ausgelöst wird, bezeichnete Pierre Boulez das Werk als „der ‚Nachmittag eines Faun‘ in Sportbekleidung“. Im Konzert zu hören ist das Stück dennoch kaum – dabei ermöglicht das groß besetzte Orchester ein Maximum an Kombinations- und Farbmöglichkeiten innerhalb der Orchestergruppen, die sowohl Debussy als auch Les Siècles und François-Xavier Roth in ihrer Interpretation zur vollen Geltung bringen.

Das dritte Werk der Einspielung ist wiederum ein anerkannter musikalischer Meilenstein und Bindeglied zwischen der Musik der Romantik und Moderne: Die drei „Nocturnes“, 1900 von Debussy komponiert, wurden durch Werke der Bildenden Kunst inspiriert und behandeln laut Debussy selbst „alle Eindrücke und speziellen Beleuchtungen, die in diesem Wort enthalten sein können“. Die drei Stücke unterscheiden sich zwar in ihren jeweiligen Stimmungen, sind aber alle drei atmosphärische Studien, die subtil versuchen, eine einzige Farbe in verschiedenen Besetzungen wiederzugeben, was beispielsweise in der Malerei einer Studie in Grau entspräche.“, wie Debussy schrieb. So sind auch das eher schemenhafte, ruhigere „Nuages“, die schnelleren „Fêtes“ und das melancholische „Sirènes“, in dem auch ein textloser Frauenchor zum Einsatz kommt, Höhepunkte in Debussys Orchestrierungskunst, die vom Orchester ein Höchstmaß an Differenzierung verlangen und damit optimale Vorlage für einen Beweis der musikalischen Klasse von Les Siècles sind.

Auf der neuen Aufnahme bei harmonia mundi sind diese Schlüsselwerke Debussys nicht nur akustisch zu erleben; auf einer Bonus-DVD kann man den Originalklang von Les Siècles und François-Xavier Roth auch durch einen Mitschnitt aus der beeindruckenden Kulisse der Alhambra vom Juni dieses Jahres wirken lassen. Neben „Jeux“ und den „Nocturnes“ ist dort auch der selten zu hörende „Marche écosaisse, sur un thème populaire“ vertreten, den Debussy auf Grundlage einer schottischen Dudelsackmelodie komponierte. Les Siècles und François-Xavier Roth vereinen damit sowohl Meilensteine der Musikgeschichte als auch seltener zu hörende Werke Debussys in ihrer maximalen orchestralen Leuchtkraft – ein mehr als würdiger Beitrag zum ausgehenden Debussy-Jahr.

 

Weitere Informationen:

http://www.harmoniamundi.com/