Gustavo Gimeno: Klangmagie im Debussy-Jahr

Stimmungen, Erinnerungen, Gedanken: Flüchtige Erscheinungen sind es, die Claude Debussy in seiner Musik festhält, vom Spiel der Wellen über das Flair einer spanischen Festgesellschaft bis hin zur Reflexion des Lichts auf der Wasseroberfläche. Im Jubiläumsjahr anlässlich des 100. Todestags Debussys widmen sich das Orchestre Philharmonique du Luxembourg (OPL) und sein Chefdirigent Gustavo Gimeno für die bereits sechste Aufnahme ihrer äußerst erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Label PENTATONE einigen der schillerndsten Werke des Komponisten – neben „La Mer“ oder „Ibéria“ so auch den „Images. Premier Livre“, für die das Orchester den Komponisten Colin Matthews mit einer Orchestrierung beauftragt hat, die auf der Einspielung nun erstmals zu hören ist.

Am liebsten wäre Claude Debussy Seemann geworden. Von diesem Plan nahm er zum Glück Abstand – und schrieb stattdessen Musikgeschichte, indem er seine Liebe zum Meer in seiner wohl bekanntesten Komposition, dem dreisätzigen „La Mer“, festhielt. Uraufgeführt 1905, ist das Stück „eine in Musik transformierte Hörerfahrung“ – die Vermittlung von Atmosphäre durch Musik, Debussys Klang gewordene Kindheitserinnerung an die See. Der bahnbrechende Umgang mit Farben und Harmonien von „La Mer“ stellt für jedes Orchester eine Herausforderung ebenso wie Gelegenheit dar, zu glänzen – dass Gustavo Gimeno und sein Orchestre Philharmonique du Luxembourg den Anforderungen des Stücks mehr als gerecht werden, zeigten sie bereits im Konzert, wie im Januar 2018 auch die Süddeutsche Zeitung bezeugte: „Auch hier beglückte die Balance zwischen den einzelnen Orchestergruppen, faszinierten die feinen Abstufungen der instrumentalen Farben, stachen einzelne Soli von Flöte oder Violine sanft hervor oder begeisterte das immer wieder zupackend modellierte und zu Höhepunkten gesteigerte musikalische Geschehen.“

Feine Abstufungen erfordert auch das Mittelstück der drei „Images pour Orchestre“ Debussys, „Ibéria“. Auch wenn Debussy selbst nur einmal in seinem Leben – für nicht einmal einen Tag – in Spanien war, blieb das Land stets Sehnsuchtsort und musikalische Inspirationsquelle, und „Ibéria“ bildet, wie auch „La mer“, vielmehr Stimmungen und persönliche Assoziationen ab denn konkrete Gegenstände, in diesem Fall einer spanischen Kleinstadt. So bewegt sich die komplexe zyklische Komposition im ersten Satz „Auf Straßen und Wegen“, beschreibt anschließend „Die Düfte der Nacht“ und zeigt im letzten Satz den „Morgen eines Fests“ – thematisch miteinander verbunden, doch stets changierend zwischen energetisch und sinnlich, quirlig und verträumt.

Mit den „Images. Premier Livre“ sowie den „Six Épigraphes antiques“ haben Gustavo Gimeno und das OPL zudem zwei Werke Debussys eingespielt, die ursprünglich für Klavier komponiert wurden und, wie oft bei Debussy, auf Grund ihrer Farbigkeit auch für das Orchester prädestiniert scheinen. Auf der Aufnahme sind nun zwei Orchestrierungen von Colin Matthews und Rudolf Escher zu hören, die in ihrer Gegenüberstellung zwei so unterschiedliche wie spannende Ansätze der Instrumentierung hörbar machen: Rudolf Escher, der 1978 die „Six Épigraphes antiques“ bearbeitete, ging denkbar zurückhaltend vor und stellt den jeweils eigenen Charakter der Sätze unter Beibehaltung der individuellen Timbres heraus. Colin Matthews, ebenfalls Komponist und vom OPL eigens für die Einspielung mit der Orchestrierung des ersten Buchs der „Images“ beauftragt, fügt der Komposition eine neue Dimension hinzu, indem er Debussys Klangsprache weiterführt und das Orchester als Erweiterung der Möglichkeiten des Klaviers denkt. So entsteht ein schillerndes Klangbild, das durch Gustavo Gimeno und das Orchestre Philharmonique zum Leuchten gebracht wird – ein mehr als würdiger Abschluss für das Debussy-Jahr 2018.

 

Gustavo Gimeno, Dirigent
Orchestre Philharmonique du Luxembourg

Claude Debussy:
La Mer
Images pour orchestre (for orchestra) : Nr. 2 « Ibéria”
Images. Premier Livre (orch. Colin Matthews)
Six Épigraphes antiques (orch. Rudolf Escher)

VÖ im November 2018 bei PENTATONE