Guy Braunstein: Das Werk als Spielwiese

Seit jeher sucht Guy Braunstein die Herausforderung, sei es als Konzertmeister der Berliner Philharmoniker – er war der bislang jüngste Musiker, der das Amt bekleidete –, als charismatischer Dirigent, der Orchester auf der ganzen Welt leitet, oder als treibende Kraft in der internationalen Festivalszene. Auch auf seinem neuen Album, das am 26. bei Pentatone erscheint, beweist er Kreativität und Tatendrang – und tritt in die Fußstapfen der ganz Großen. 

Der Tradition auf der Spur

Viele berühmte Solisten der Musikgeschichte arrangierten Stücke für ihr Instrument neu, um ihre Kunst voll entfalten zu können und spielerisch ihre Grenzen auszutesten. Heute ist der Brauch weniger verbreitet – eine Entwicklung, die Guy Braunstein bedauert: „Große Künstler wie Sarasate, Heifetz, Kreisler und Joachim hatten den Drang, das Repertoire durch Komponieren, Transkribieren und Arrangieren zu erweitern. Seit einigen Jahrzehnten machen Virtuosen das kaum noch. Ich versuche, diese Tradition wieder aufzunehmen.“ Und so hat Braunstein, der zwölf Jahre lang Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern war, für sein Solo-Debüt Stücke adaptiert, die ihn musikalisch besonders beflügelten: das „Pas de deux“ aus Tschaikowskys Schwanensee sowie Lenskys Arie und die Briefszene aus Eugen Onegin.

Ein folgenschwerer Briefwechsel

Mit seinen Doppelgriffpassagen, extrem hohen Lagen und Flageolett-Abschnitten zählt Tschaikowskys Violinkonzert zu den großen Werken der Geigenliteratur, anhand derer die meisten Violinvirtuosen irgendwann ihr besonderes Talent beweisen – so auch Guy Braunstein auf seinem Debüt. Das allein reichte ihm für die Veröffentlichung jedoch nicht aus. „Mit Neid fing alles an“, erzählt Braunstein. „Vor ein paar Jahren dirigierte ich Tschaikowskys Eugen Onegin. Während der Proben der Briefszene merkte ich, wie sehr ich Tatjana beneidete. Ich konnte nichts dagegen tun. Ich rannte danach zum Hotel, nahm die Geige zur Hand und begann, Tatjanas Part zu spielen. Dann nochmal. Am nächsten Tag begann ich, ihn für virtuose Geige abzuändern und anzupassen. Ich erinnerte mich, dass der große Leopold Auer das mit Tschaikowskys Musik tat. Immerhin war er der Widmungsträger aller Werke, die Tschaikowsky für Violine geschrieben hatte. Ich arbeitete also an der Briefszene, der Lensky-Arie (die Auer selbst für Geige und Klavier transkribiert hatte) und schließlich an der “Pas de deux”-Szene aus Schwanensee. Das Ergebnis sind drei Tschaikowsky-Stücke, die wirklich neu sind in der Geigenliteratur.“

Zweite Runde für clasclas in Galizien

Neben den Aufnahmen für sein Debüt war für Guy Braunstein auch die erste Ausgabe des von ihm mitgegründeten clasclas Festivals ein großes Highlight im Jahr 2018. Als Künstlerischer Leiter der Veranstaltung widmet er sich einem Herzensthema: der Nachwuchsförderung. Das Kammermusik-festival im spanischen Galizien, das erneut im Sommer 2019 stattfinden wird, bringt renommierte Profi-Musiker und vielversprechende Studenten für Auftritte zusammen. Von einem ähnlichen Prinzip hatte Guy Braunstein bereits selbst als junger Geiger profitiert, und zwar beim Rolandseck-Festival. Dieses hob er 2006 schließlich erneut aus der Taufe, nachdem es jahrelang pausiert hatte, und übernahm für die folgenden zehn Jahre die künstlerische Schirmherrschaft.

Kurzbiographie

Der in Tel Aviv geborene Guy Braunstein studierte bei Chaim Taub und später in New York unter Glenn Dicterow und Pinchas Zuckerman. Bereits in jungen Jahren begann er als internationaler Solist und Kammermusiker aufzutreten. Seitdem konzertiert er mit vielen der größten Orchester und Dirigenten der Welt, unter ihnen Issac Stern, András Schiff, Zubin Mehta, Maurizio Pollini, Yefim Bronfman, Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Mitsuko Uchida und Angelika Kirschlager. Im Jahr 2000 wurde Braunstein zum Konzertmeister der Berliner Philharmoniker ernannt, als bislang jüngster Träger des Titels. Er hatte die Position zwölf Jahre lang inne, bevor er beschloss, sich seiner Solokarriere zu widmen. Zu Braunsteins Höhepunkten in den letzten Jahren zählt seine Zeit als Artist-in-Residence bei den Trondheim Symphonikern in der Saison 17/18, in der er seinen musikalischen Facettenreichtum als Dirigent und Solist unter Beweis stellte. Auch kehrte er in den Pierre Boulez Saal zurück und gastierte mit den Hamburger Symphonikern – bei denen er Erster Ständiger Gastdirigent ist – in der Elbphilhar-monie. Seit 2018 ist Guy Braunstein zudem Künstlerischer Leiter das clasclas Festivals in Galizien.

Guy Braunstein spielt eine seltene Geige von Francesco Roggieri aus dem Jahr 1679.

 

Guy Braunstein, Kirill Karabits, BBC Symphony Orchestra:

Tchaikovsky Treasures (Pentatone, 26.04.2019)

 Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Violinkonzert in D-Dur op. 35 (Allegro moderato, Canzonetta: Andante, Finale: Allegro vivacissimo)

„Pas de deux“ aus Schwanensee (Arr. Guy Braunstein)

Lensky’s Arie aus Eugen Onegin (Arr. Guy Braunstein)

Briefszene from Eugen Onegin (Arr. Guy Braunstein)

Sérénade mélancolique op. 26

Valse Scherzo op. 34

 

Kommende Konzerte:               

03.02.19

14.02.19

18.–23.02.19

05.03.19  

07.03.19

16.–17.03.19 

27.03.19

05.–07.04.19  

12.–13.04.19   

14.–20.04.19    

14.–20.005.19    

26.05.19     

24.06.–06.07.19  

Berlin

Trondheim (als Dirigent)

Belfast

Holland Chamber Music

Potsdam (als Solist + Dirigent)

Malta

Madrid (als Solist und Dirigent)

Toulon

Paris

Music without Limits, Ukraine (als Solist + Dirigent)

Berlin

Hamburg

clasclas Festival, Galizien (Künstl. Leiter, Solist, Dirigent)