„Incantations“: Christoph Sietzen als Schlagwerk-Beschwörer

VÖ mit Werken von Avner Dorman und Einojuhani Rautavaara am 07.09.2018 bei SONY Classical

In der Generation der jungen Percussionisten ist Christoph Sietzen ein Ausnahme-Talent. Im Alter von 12 das Debüt bei den Salzburger Festspielen, 2014 Preisträger des ARD Musikwettbewerbs, Gewinner des „Young Artist Award“ der ICMA 2018, „Rising Star“ der European Concert Hall Organisation – und nun die erste CD bei einem Major Label: „Incantations“ erscheint am 07. September bei SONY Classical und vereint zwei Konzerte für Schlagzeug und Orchester von Avner Dorman und Einojuhani Rautavaara. „Mir ist besonders wichtig, dass ich nicht nur Schlagzeug spiele, sondern Musik mache. Das Instrument ist ein Mittel, um etwas zum Ausdruck zu bringen, und beide Werke auf der neuen Aufnahme geben mir wirklich die Möglichkeit, das Schlagwerk singen zu lassen.“, so Christoph Sietzen selbst über die Aufnahme, die mal explosiv, mal melodiös, aber immer mit dem sehr besonderen Sinn für Farben und Facetten die ganze Ausdruckspalette des Schlagzeugs zeigt.

„Dieser junge Mann beherrscht die seltene Kunst, auf seinem Schlagwerk zu singen – und bewirkt eine Revolution für das Marimbafon.“, schrieb das Rondo Magazin 2017 in einem Portrait über Christoph Sietzen. Auf dem Schlagwerk zu singen – was auf den ersten Blick wie ein Paradoxon klingt, macht Christoph Sietzen mit wie selbstverständlicher Leichtigkeit hörbar. Für seine zweite Aufnahme bei SONY Classical hat er so auch zwei Werke ausgewählt, die den Hörer bei aller Unterschiedlichkeit auf Klang- und Weltreisen mitnehmen: Avner Dormans 2007 uraufgeführtes „Frozen in time“ sowie „Incantations“ von Einojuhani Rautavaara, das 2009 seine Premiere feierte.

Für „Frozen in time“ wollte Avner Dorman, geboren 1975 in Tel Aviv, die Entwicklungsstufen der Kontinente vertonen – die Sätze tragen die Namen „Indoafrica“, „Eurasia“ und „The Americas“ und geben nicht nur einen kleinen Geographie-Exkurs, sondern zeigen auch die musikalische Vielfalt der Kontinente. Eingeleitet durch einen kurzen musikalischen Ausbruch, der wie gemacht scheint für Christoph Sietzens Talent zu nicht nur farbenreichem, sondern auch explosiv-energetischem Spiel, geht die Reise von afrikanisch-indischen Trommel-Rhythmen über den zweiten Satz, in dem nur anhand von Metallophonen Bezüge zu Mozart anklingen, hin ins Amerika des 20. und 21. Jahrhunderts, wo die Musik deutliche Einflüsse von minimal music, Jazz, Samba, Tango oder Bossa Nova aufweist. Für Christoph Sietzen sind es vor allem die melodiösen Einfälle und deren Weiterentwicklung innerhalb des Stücks, die dessen Reiz ausmachen – dabei ist das Konzert aber auch Herausforderung für Solist wie Orchester: Obwohl technisch mitunter an die Grenzen des Spielbaren gehend, klingt bei Christoph Sietzen jede Note leicht und flüssig. Dass mit dem Romanian National Symphony Orchestra und Cristian Mandeal, die den Orchesterpart der Aufnahme bestreiten, seit Jahren eine enge Partnerschaft besteht, kommt dem Werk ebenfalls zu Gute: Orchester und Solist sind hörbar vertraut miteinander und können sich aufeinander einlassen – „Frozen in time“ wird so gleichermaßen zu Entdeckungsreise und Klang-Erlebnis.

Ganz anders im Charakter, jedoch ebenso faszinierend ist das Konzert „Incantations“ des 2016 verstorbenen finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara. Rautavaara schrieb das Konzert für den Schlagwerker Colin Currie, der es auch zur Uraufführung brachte und sich von Rautavaara ein Äquivalent zum „großen romantischen Konzert“ wünschte, mit kühnen melodischen Themen, einem eindringlichen langsamen Satz, vielleicht einer Kadenz…All das hat Rautavaara in sein Konzert integriert, und auch bei Christoph Sietzen verfehlte es seine Wirkung nicht: „Als ich das Konzert zum ersten Mal hörte, war ich von Anfang an berührt und fasziniert. Isoliert betrachtet mag der Solo-Part dünn und reduziert erscheinen (…) Doch umso spannender ist, wie sich der Charakter mit dem Orchester verändert. Da doppeln die Kontrabässe, da spinnen Bratschen und Flöten den motivischen Faden weiter – es fügt sich wie ein großer Dialog.“. Mit „Incantations“ hat Rautavaara zudem ein Werk mit unverwechselbarem Stil geschaffen, das eine nordische Welt voller Melancholie und Weite zeigt. Neben Dormans „Frozen in time“ wirkt „Incantations“ wie aus einer anderen Welt – und genau dies hat Christoph Sietzen auch beabsichtigt, sind es doch gerade diese sehr unterschiedlichen Ansätze, die das Schlagzeug mit all seinen Facetten, die über den bloßen Effekt weit hinausreichen, seinen ganzen Ausdruck entwickeln lassen.

 

„Incantations“

Christoph Sietzen, Percussion
Romanian National Symphony Orchestra
Cristian Mandeal, Dirigent

VÖ am 07.09. bei SONY Classical

 

Avner Dorman (*1975)
Frozen in Time (2007)

Einojuhani Rautavaara (1928–2016)
Incantations (2008)

Kommende Termine:

02.09.  Ehemalige Kindler’sche Fabrik, Gomaringen (in der Reihe “Grundton D” des Deutschlandfunks)
04.09.  Atheneum, Bukarest
17.09.  Pianosalon Christophori, Berlin
22.09.  Philharmonie, Luxembourg
24.09.  Stephansdom, Wien
25.09.  Mozarteum, Salzburg
29.09.  Klangraum, Ybbsitz
10.10.  Grosses Festspielhaus, Salzburg
19.10.  Musikverein, Wien
14.11.  Zell am See
15.11.  Festsaal, Judenburg