Griechische Nationaloper

Carmen, wie Bizet sie sah: Die Griechische Nationaloper rekonstruiert die Uraufführung von 1875

Vor 151 Jahren erlebte Carmen an der Opéra-Comique in Paris ihre Uraufführung – und polarisierte das Publikum so stark, dass Bizet die Bühne an jenem Abend gebrochen verließ. Nun bringt die Griechische Nationaloper das Werk in einer Form zurück, als originalgetreue Rekonstruktion jener legendären Erstinszenierung, erarbeitet vom Palazzetto Bru Zane auf Grundlage der originalen Regiebücher, Bühnen- und Kostümentwürfe. Mit einem Ensemble der Welttang – darunter Gaëlle Arquez, Anita Rachvelishvili, Marina Viotti, Charles Castronovo und Andrea Carè – sowie Kostümen von Christian Lacroix und der Regie von Romain Gilbert ist die Produktion vom 30. April bis 4. Juni 2026 im Stavros-Niarchos-Saal des SNFCC in Athen zu erleben.

Die historisch rekonstruierte Ko-Produktion war bereits weltweit zu sehen, u.a. an der Opéra Orchestre Normandie Rouen, dem Opéra Royal – Château de Versailles Spectacles, der Opera Hong Kong, dem Hanoi Opera House und der Dallas Opera zu sehen. Zuschauer:innen erhalten so die einzigartige Möglichkeit, die Oper in ihrer ursprünglichen Fassung zu erleben und zugleich zu entdecken, wie sich die Produktion durch moderne künstlerische Mittel neu beleuchten lässt.

Regie führt der gefeierte junge französische Regisseur Romain Gilbert, der zuletzt Aufführungen an renommierten Häusern auf die Bühne geleitet hat – darunter die Opern von Barcelona, Neapel, Dallas, Bordeaux und Versailles sowie die Festivals von Aix-en-Provence und Baden-Baden. Die Herausforderung bei dieser Carmen liegt u.a. darin, innerhalb eines Rahmens zu arbeiten, der durch die erhaltenen Archivdokumente der Uraufführung zunächst vollständig vorgegeben scheint. Doch wie Gilbert selbst betont, wird „jenes berauschende Ding: die Freiheit!“ nicht aufgehoben, sondern durch tiefgründige Kenntnis des Materials abgesteckt und neu definiert. Die Regiebücher, Bühnen- und Kostümentwürfe sowie historische Quellen sind kein Korsett, sondern ein fruchtbarer Rahmen, „in dem Vielfalt, Kreativität, Vorstellungskraft und Subtilität“ zur Geltung kommen. Wo die Quellen präzise sind – bei Bühnenanordnung, Chorbewegungen, Körpergeometrie –, folgt die Regie ihnen genau. Wo sie „von Redseligkeit zu nahezu Schweigen“ wechseln, öffnet sich Raum für einen Dialog zwischen historischem Dokument und neuem künstlerischen Ausdruck. In Melodiepassagen, Duetten und Momenten innerer Spannung verlagert sich die Arbeit auf die Mikroebene: Gesten, Blicke, Körperhaltungen. Die Personenführung tritt in den Vordergrund und verlangt Präzision, Nachdruck und einen geradezu malerischen Umgang mit den Bühnen-Tableaux. Dabei werden auch weniger bekannte Qualitäten des romantischen Theaters sichtbar: seine Subtilität und Disziplin. Der moderne Regisseur reproduziert die Vergangenheit nicht – er erweckt sie neu zum Leben und prägt ihr zugleich seine eigene ästhetische Handschrift auf. Und genau hier begegnet sich die Dramaturgie von Carmen mit dem Gedanken, „dass wer frei sein will, frei ist“: Die Rekonstruktion wird zum lebendigen Erlebnis von Freiheit.

Das Bühnenbild entwirft Antoine Fontaine, der über große Erfahrung in der Gestaltung von Bühnenwelten für die Oper verfügt und sich – anders als die Regie – zwischen historischer Dokumentation und kreativer Rekonstruktion bewegt. Da kaum Quellen zu den Originalkulissen erhalten sind, greift er auf bildkünstlerische Zeugnisse der Epoche zurück und erschafft eine Bühnenwelt aus bemalten Leinwänden und perspektivischen Kulissen – belebt durch moderne Lichttechnik, die die warme Atmosphäre einer Gaslichtbühne heraufbeschwört. Die Kostüme stammen vom ikonischen Modedesigner Christian Lacroix, dessen Entwürfe Illustrationen der damaligen Zeit aufgreifen und mit seltenen Materialien und Techniken den Geist des Jahres 1875 einfangen – ohne den Abstand zu leugnen, den die seither vergangene Zeit unweigerlich schafft. Die Kostümrekonstruktion versteht sich nicht als Kopie, sondern als behutsame Übersetzung von Formen, Texturen und Farben, die auf der Bühne neu zum Leben erwachen. Ziel ist es, den ursprünglichen Glanz des Werkes durch einen Filter von Theatralik und poetischer Atmosphäre sichtbar werden zu lassen. Vervollständigt wird das künstlerische Team durch den Choreografen Vincent Chaillet, der die Bewegungssprache der Protagonisten, der Tänzerinnen und Tänzer sowie des Chores gestaltet, sowie durch den Lichtdesigner Hervé Gary, dessen Lichtstimmungen den Bühnenzauber dieser Produktion eindrucksvoll unterstreichen.

Das Orchester der Griechischen Nationaloper wird von dem aufstrebenden Dirigenten Konstantinos Terzakis geleitet – in seiner sechsten Zusammenarbeit mit der GNO, nach der Oper La bohème, der konzertanten Aufführung von Flora mirabilis, den Balletten Coppélia und Carmen sowie der Verleihung der International Opera Awards 2025. Den GNO-Chor hat Agathangelos Georgakatos einstudiert, den Kinderchor der GNO Konstantina Pitsiakou.

Die GNO hat eine Besetzung von Weltklasse zusammengestellt, zu der namhafte griechische Sängerinnen und Sänger zählen. Die Titelpartie teilen sich Gaëlle Arquez, Anita Rachvelishvili und Marina Viotti. Die renommierte französische Mezzosopranistin Gaëlle Arquez hat Carmen an Europas bedeutendsten Häusern gesungen – an der Opéra de Paris, der Oper Frankfurt und dem Royal Opera House in London – und kommt für fünf besondere Abende an die GNO. Internationale Anerkennung erlangte sie durch Auftritte als Juditha in Vivaldis Juditha triumphans und als Iphigénie in Glucks Iphigénie en Tauride und bewies damit ihre starken interpretatorischen Fähigkeiten und vokale Wandlungsfähigkeit. Anita Rachvelishvili kehrt nach ihrem gefeierten Auftritt im Odeon des Herodes Atticus 2018 als Carmen zurück. Seit ihrem Debüt 2009 an der Mailänder Scala gilt sie weltweit als eine der ikonischsten Interpretinnen dieser Rolle. Die Grammy-preisgekrönte franko-schweizerische Mezzosopranistin Marina Viotti, die sich eine beeindruckende internationale Karriere an den führenden Opernhäusern der Welt erarbeitet hat, stellt sich erstmals dem GNO-Publikum vor. Viotti ist bekannt für ihre Rollengestaltungen als Carmen in Bizets gleichnamiger Oper, als Rosina in Rossinis Il barbiere di Siviglia und als Charlotte in Massenets Werther. Besondere Aufmerksamkeit erregte sie zuletzt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris, wo sie sowohl Ausschnitte aus Carmen als auch Heavy Metal darbot. Sie zeichnet sich durch darstellerische Kühnheit und dadurch aus, unterschiedliche Musikgenres zu verbinden und damit die Grenzen der Oper neu zu definieren. 2019 wurde ihr bei den International Opera Awards der Preis als „Beste Nachwuchssängerin des Jahres“ verliehen.

Den Don José teilen sich zwei Tenöre: Charles Castronovo, bekannt für den warmen, lyrischen Klang und die tiefe Ausdruckskraft seiner Stimme sowie seine dramatische Gestaltung dieser Rolle an vielen der renommiertesten Opernhäuser der Welt; und Andrea Carè, dem griechischen Publikum bestens bekannt aus der GNO-Produktion von Madama Butterfly im Odeon des Herodes Atticus. Carè verfügt über große Erfahrung im italienischen Dramen-Repertoire und hat Hauptrollen an der Metropolitan Opera in New York, der Mailänder Scala und dem Royal Opera House in London gesungen. Escamillo verkörpern drei griechische Künstler: der weltbekannte Bariton Dionysios Sourbis, zuletzt als Ford in Verdis Falstaff zu erleben; Tassos Apostolou, einer der renommiertesten Bässe seiner Generation mit umfangreicher Erfahrung in großen Repertoirerollen; sowie der jüngere Bariton Nikos Kotenidis. Die Rolle der Micaëla teilen sich drei GNO-Sopranistinnen: Vassiliki Karayanni, eine der bedeutendsten griechischen Sopranistinnen ihrer Generation mit starker internationaler Präsenz, debütiert in dieser Rolle; an ihrer Seite steht die junge Sopranistin Marilena Striftobola, während Maria Mitsopoulou in eine der Rollen zurückkehrt, mit denen sie besonders eng verbunden ist. Die Besetzung vervollständigen aufstrebende und etablierte griechische Künstlerinnen und Künstler: Yannis Selitsaniotis, Georgios Papadimitriou, Georgios Iatrou, Sotiris Triantis, Chrissa Maliamani, Matina Tsaroucha, Chrysanthi Spitadi, Diamanti Kritsotaki, Haris Andrianos, Marios Sarantidis, Yannis Kalyvas und Andreas Karaoulis.

 

Oper • Neuproduktion • Historische Rekonstruktion der Uraufführung von 1875
Carmen
Georges Bizet

30. April, 2./ 3./ 5./ 7./ 14./ 17./ 20./ 24./ 26./ 28. Mai & 4. Juni 2026
Beginn: 19.00 Uhr (Sonntags: 18.30 Uhr)
Stavros Niarchos Saal der GNO – Stavros Niarchos Foundation Cultural Center

Koproduktion: Bru Zane France / Opéra Royal – Château de Versailles Spectacles / Opéra Orchestre Normandie Rouen / Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française
Produzent: Bru Zane France
Bühnenbild: Atelier Devineau and the workshops of the Opéra Orchestre Normandie Rouen
Kostüme: Atelier Caraco and the workshops of the Opéra Orchestre Normandie Rouen
Partitur: Choudens (Neuauflage von: Palazzetto Bru Zane)
Historische Beratung: Palazzetto Bru Zane scientific research team

Regie: Romain Gilbert
Bühnenbild: Antoine Fontaine
Kostüme: Christian Lacroix
Choreographie: Vincent Chaillet
Licht: Hervé Gary
Chorleitung: Agathangelos Georgakatos
Kinderchorleitung: Konstantina Pitsiakou

Don José: Charles Castronovo (30 April 2026 & 3., 5. Mai) / Andrea Carè (2., 7., 14., 17., 20., 24., 26., 28. Mai & 4. Juni)
Εscamillo: Dionysios Sourbis (30 April 2026 & 3., 5. Mai) / Tassos Apostolou (2., 17., 24., 26. Mai & 4 Juni) / Nikos Kotenidis (7., 14., 20., 28. May)
Zuniga: Yannis Selitsaniotis (30. April & 3., 5., 17., 24., 28. Mai) / Georgios Papadimitriou (2., 7., 14., 20., 26. Mai & 4. Juni)
Moralès: Georgios Iatrou (30. April & 3., 5., 17., 24., 28. Mai) / Sotiris Triantis (2., 7., 14., 20., 26. Mai & 4. Juni)
Carmen: Gaëlle Arquez (30. April & 3., 5., 7., 14. Mai) / Anita Rachvelishvili (2., 17., 20., 24. Mai) / Marina Viotti (26., 28. Mai & 4. Juni)
Micaëla: Vassiliki Karayanni (30. April & 3., 24., 26., 28. Mai) / Marilena Striftobola (2., 5., 14., 17. Mai) / Maria Mitsopoulou (7., 20. Mai & 4. Juni)
Frasquita: Chrissa Maliamani (30. April & 3., 5., 17., 24., 28. Mai) / Matina Tsaroucha (2., 7., 14., 20., 26. Mai & 4. Juni)
Mercédès: Chrysanthi Spitadi (30. April & 3., 5., 17., 24., 28. Mai) / Diamanti Kritsotaki (2., 7., 14., 20., 26. Mai & 4. Juni)
Le Dancaïre: Haris Andrianos (30. April & 3., 5., 17., 24., 28. Mai) / Marios Sarantidis (2., 7., 14., 20., 26. Mai & 4. Juni)
Le Remendado: Yannis Kalyvas (30. April & 3., 5., 17., 24., 28. Mai) / Andreas Karaoulis (2., 7., 14., 20., 26. Mai & 4. Juni)

Mit dem Orchester, Chor und Kinderchor* der Griechischen Nationaloper.

* im Rahmen ihres Bildungsauftrags

Die Griechische Nationaloper wird vom Griechischen Kultusministerium gefördert
Produktionssponsor: Alpha Bank
Hauptsponsor der GNO: Stavros Niarchos Foundation (SNF)

 

Fotos: GNO/Julien Benhamou

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