Pablo Heras-Casado: “It’s all connected!”

Pablo Heras-Casado legt neues Schumann-Album vor und dirigiert den ersten Orfeo an der Wiener Staatsoper

 

Pablo Heras-Casado hat sich der Vielseitigkeit verschrieben. Der Spanier dirigiert Werke vom Frühbarock bis hin zu Zeitgenössischem. Denn er sagt: „It’s all connected!“ Er zieht keine künstlichen Grenzen zwischen Epochen, sondern sieht die Musikgeschichte als Zeitenlauf, der verankert ist im tiefen Grund des frühen Barocks. Daraus entsteht eine frische Perspektive auf gut bekannte Werke.

 

Neues Album – Schumann-Sinfonien mit den Münchner Philharmonikern

Diese frische Perspektive wird auch auf seinem neuen Album mit sämtlichen Schumann-Sinfonien deutlich, das er mit den Münchner Philharmonikern für Harmonia Mundi aufnahm und das nun erscheint. Diese neue Doppel-CD gehört zu seiner Reihe Die Neue Romantik, die das französische Label vor zehn Jahren mit ihm startete. Die Aufnahme sämtlicher Schumann-Konzerte aus der Reihe Die Neue Romantik mit dem Freiburger Barockorchester erhielt bereits den Jahrespreis der PdSK. „Schumann gehört zu meinem Kern-Repertoire. Auch wenn ich Romantisches dirigiere, habe ich immer Schein, Schütz, Bach und Buxtehude im Kopf“, sagt Heras-Casado. „It’s a mindset!“ 

Anders als das Barockorchester spielen die Münchner Philharmoniker auf modernen Instrumenten. Für den 44-Jährigen stellt das kein Problem dar. Vielmehr zeigt es, wie undogmatisch Heras-Casado arbeitet. Um an sein klangliches Ziel zu gelangen, spielten die Münchner Philharmoniker jedoch in deutlich kleinerer Besetzung als die Musiker*innen es gewohnt sind: Eigentlich sind sie in ihrem Kernrepertoire, der Spätromantik mit großem Orchesterapparat, beheimatet. „Ich kenne die Münchner Philharmoniker von meinen zahlreichen Gastdirigaten sehr gut. Das über Jahre gewachsene gegenseitige Vertrauen hat beiden Seiten Raum zur Entfaltung gegeben“, erklärt Pablo Heras-Casado.

 

 

L’Orfeo mit Concentus Musicus Wien an der Staatsoper

Ausdruck von Heras-Casados Vielseitigkeit ist ebenfalls, dass er sich genauso leidenschaftlich wie dem Konzert der Oper verschrieben hat. In der Wiener Staatsoper setzt er mit L’Orfeo Mitte Juni seine Monteverdi-Trilogie fort. Diese Monteverdi-Trilogie startete im vergangenen Jahr mit einer umjubelten L’incoronazione di Poppea. Die Wiener Zeitung schrieb über die Poppea-Premiere: „Der Klang jedenfalls, den Dirigent Pablo Heras-Casado dem [..] Concentus dabei entlockte, der füllte die Staatsoper bis in den letzten Winkel – facettenreich, mit üppigen Farben ausgestattet, knarzend vor Reibflächen, satt an rauchigen Zwischentönen.“ Die Trilogie beinhaltet zwei Premieren: Zum ersten Mal dirigiert hier Pablo Heras-Casado und zum ersten Mal spielt das Concentus Musicus Wien im Orchestergraben. Und nun wird zum ersten Mal der Orfeo in der Staatsoper zu hören sein.

Nikolaus Harnoncourt, der Gründer und jahrzehntelange Leiter des Originalklangkörpers, und Heras-Casado verband ein vertrauensvolles Verhältnis sowie die Begeisterung über das komplexe Verständnis von Musik im (Früh-)Barock. Heras-Casado sagt: „Monteverdi is my daily food!“ Bereits mit 17 Jahren hielt er in seiner Heimatstadt Granada Vorlesungen über ihn. „Man braucht viel Wissen und Erfahrung in der historisch-informierten Aufführungspraxis, um Monteverdi gerecht zu werden. Die Freiheiten, die die Partitur zulässt, müssen kreativ, aber verantwortungsvoll genutzt werden – in jedem einzelnen Takt stecken so viele Möglichkeiten, so viele unterschiedliche Texturen!“, sagt der Spanier. Ungewöhnlich an der Aufführung an der Wiener Staatsoper ist die große Besetzung des Originalklangkörpers. Allein zwölf Musiker*innen spielen in der Continuo-Gruppe. Heras-Casado will den Klangraum der Staatsoper voll ausnutzen. Er ist eben kein Dogmatiker.

Foto: Jiyang Chen
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